
Das ist nichts besonderes, ist eine ganz gewöhnliche Krankheit, die in geradezu epidemischen Ausmassen grassiert. Dafür gibt es zwei Gründe.
Millionen von Menschen, sowohl Männer wie Frauen, interessieren sich mehr für den verheirateten Menschen. Zunächst einmal : das unverheiratete signalisiert, dass ihn niemand bis jetzt haben wollte; der verheiratete signalisiert, dass es jemand gibt, der ihn haben will. Und ihr seid so uneigenständig, dass ihr nicht von euch aus lieben könnt. Ihr seid solche Nachäffer, dass ihr nur einen Menschen lieben könnt, den schon jemand anders liebt - nur so könnt ihr hinter ihm her sein. Aber wenn jemand allein ist und keiner in ihn verliebt ist, dann werdet ihr misstrauisch. Vielleicht taugt diese Person nichts, warum sonst sollte er oder sie sonst auf dich warten ? Der verheiratete Mensch ist für den Nachäffer sehr attraktiv.
Zweitens : Den Leuten kommt es weniger auf's Lieben an - tatsächlich wissen die Leute gar nicht, was Liebe ist - als auf's Konkurrieren. Ein verheirateter Mann ?... und schon bist du interessiert. Eine verheiratete Frau ?... und schon bist du interessiert; denn jetzt hast du eine Chance zu konkurrieren. Der Dreieckskampf kann beginnen. De Frau ist nicht so leicht zu haben, es wird zum Kampf kommen.
Tatsächlich bist du gar nicht an der Frau interessiert, du bist am Kämpfen interessiert. Die Frau wird zum Gegenstand, du kannst um sie kämpfen und du kannst deinen Mut beweisen. Du kannst den Ehemann ausbooten, und du wirst dich sehr gut dabei fühlen - ein Ego-Trip; es ist kein Liebes-Trip. Aber merke dir : wenn du den Ehemann einmal ausgebootet hast, bist du an der Frau nicht mehr interessiert. Du wolltest dich nur mit dem Ehemann messen : "Sieh' an, was soll ich jetzt mit einer unverheirateten Frau". Wieder wirst du dich in einen neuen Kampf stürzen : und immer wird es eine Dreierbeziehung sein. Das ist nicht Liebe. Im Namen der Liebe existiert Eifersucht, Rivalität, Aggression und Gewalt. Du willst dich beweisen. Du möchtest dich gegenüber dem Mann beweisen : "Schau' mal, ich habe dir deine Frau ausgespannt". Wenn du die Frau erst einmal hast, bist du an der Frau überhaupt nicht mehr interessiert, denn sie war gar nicht der Gegenstand deiner Begierde, der eigentliche Gegenstand deiner Begierde war der Sieg.
Es ist krankhaft, sich in eine verheiratete Frau oder in einen verheirateten Mann zu verlieben. Schaut euch die Gründe an. Sie haben mit Liebe nichts zu tun. Irgendetwas anderes agiert da hinter euren Gedanken und rumort im Unterbewusstsein.
Ausserdem : die verheiratete Frau ist nicht leicht zugänglich. Das erzeugt ebenfalls Verlangen. Leichte Zugänglichkeit tötet das Verlangen. Je unzugänglicher, je unerreichbarer die Frau, desto grösser dein Verlangen; du kannst von ihr träumen. Und tatsächlich sieht es gar nicht so aus, als ob dein Verlangen jemals erfüllt wird. Es lässt sich so leicht romantisch sein mit einer verheirateten Frau ! Da kannst du deine Phantasien spielen lassen. Es ist gar nicht leicht, sie dir zugänglich zu machen. Du bist an verheirateten Frauen interessiert, weil sie dir Gelegenheit geben, romantisch zu sein. Du zeigst Interesse, und schon sind sie bereit. Es gibt keinen Spielraum. Es fehlt diese lange, lange Zeit des Wartens.
Viele Menschen sind nicht an der Liebe interessiert, sondern am Warten; sie sagen, dass Warten viel schöner sei als die Liebe. In gewisser Weise ist das wahr, denn während du wartest projezierst du, träumst du einfach. Es ist dein Traum, und du kannst so schön träumen, wie du willst. Eine wirkliche Frau wird alle deine Träume zerschlagen. Die Männer haben Angst vor der wirklichen Frau. Und eine verheiratete Frau ist eher unwirklich als wirklich. Das gleiche gilt für den verheirateten Mann : er ist weit entfernt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass er sich wirklich auf eine Liebesbeziehung mit dir einlassen wird.
Die reale Frau ist gefährlich. Die reale Frau sieht nur von weitem romantisch aus. Wenn du näher kommst, siehst du die wirkliche Frau. Sie ist keine Fee und keine Fiktion. Man muss auf ihre Wirklichkeit gefasst sein. Und wenn eine Frau dir nahe kommt, dann ist sie nicht nur real, sie holt dich auch von deinem Elfenbeinturm herunter auf die Erde. In allen Kulturen der Welt repräsentiert die Frau die Erde und der Mann den Himmel. Die Frau ist sehr erdverhaftet, sie gravitiert zur Erde hin. Sie ist erdiger als der Mann, praktischer, pragmatischer als der Mann. Deshalb findet man auch keinen grossen weiblichen Dichter, keinen grossen weiblichen Maler, keinen grossen weiblichen Komponisten. Sie fliegen nicht so weit in den Himmel hinauf. Sie halten sich an der Erde fest, sie dringen mit ihren Wurzeln in die Erde ein und stehen da wie starke Bäume.
Der Mann ist mehr wie ein Vogel. Wenn ein Mann heiratet, bringt die Frau ihn auf die Erde zurück, hinein in die praktische Welt. Dichter sind nicht gerne verheiratet; sie wollen immer gerne verliebt bleiben, sie wollen nicht von dieser Krankheit geheilt werden. Die Leute verlieben sich in eine verheiratete Frau, das ist ein halbfertiges Haus, das ist ein Trick. Sie können sich einbilden, verliebt zu sein und gleichzeitig die Liebe vermeiden.
Die Liebe macht grosse Angst, denn sie ist eine Herausforderung, eine grosse Herausforderung. Jetzt muss du wachsen, du darfst nicht kindlich und unreif bleiben. Du musst dich mit den Realitäten des Lebens auseinandersetzen. Eure sogenannten grossen Dichter sind fast alle kindlich und unreif, sie leben in der Märchenwelt ihrer Kindheit. Sie wissen nicht, was Realität ist; sie lassen die Wirklichkeit nicht in ihre Träume eindringen.
Eine Frau zerstört deine Traumwelt mit Sicherheit. Sie ist keine Traumgestalt, sie ist eine Tatsache, eine Realität. Wenn ihr euch einbilden wollt verliebt zu sein, der Liebe aber aus dem Wege gehen wollt, dann verliebt euch am besten in eine verheiratete Frau oder in einen verheirateten Mann. Das ist sehr pfiffig, das ist eine Täuschung, eine Selbsttäuschung.
Auch eine Frau hat Angst, sich in einen freien Mann zu verlieben, denn auf einen freien Mann oder eine freie Frau muss man sich sehr einlassen, es ist ein 24-Stunden-Engagement. Auf eine verheiratete Frau muss man sich nicht so intensiv einlassen. Du kannst dir ein paar heimliche Küsse holen, du kannst sie in einer dunklen Ecke treffen, immer mit der Angst, dass der Ehemann kommt oder dass euch irgend jemand sieht. Es ist halbherzig, flüchtig, und die lernst die Frau nicht in ihrem alltäglichen Leben. Du lernst nur ihr geschminktes Gesicht kennen, du lernst ihre Selbstdarstellung kennen, nicht ihre Wahrheit.
Wenn eine Frau das Haus verlässt, um zu einem Einkaufsbummel zu gehen, dann ist sie nicht mehr die selbe Frau. Sie ist fast eine andere Person. Jetzt ist sie eine hergerichtete Frau, jetzt ist sie eine Darstellerin. Frauen sind wunderbare Schauspielerinnen. Zuhause sehen sie gar nicht so schön aus. Kaum aus dem Haus, werden sie plötzlich ungeheuer schön, fröhlich, vergnügt, begeistert. Sie werden wieder zu kichernden kleinen Mädchen, ins Leben verliebt. Ihr Gesicht verändert sich, sie strahlen, ihre Augen sind anders; ihr Make-up, ihre Art sich zu geben. Sieht man eine Frau am Strand oder beim Einkaufsbummel, dann sieht man eine völlig andere Art von Realität.
Mit einer Frau 24 Stunden am Tag zusammenzuleben, ist eine alltäglich Erfahrung, es kann gar nicht anders sein. Aber wenn du eine Frau wirklich liebst, möchtest du ihre Wirklichkeit kennen lernen, nicht ihren Schein, denn Liebe kann nur in der Wirklichkeit existieren. Und Liebe macht dich fähig, die Wirklichkeit einer Frau zu sehen und sie trotzdem zu lieben, alle ihre Fehler zu kennen und sie trotzdem zu lieben. Liebe hat eine ungeheure Kraft.
Wenn du mit einem Menschen - Mann oder Frau - 24 Stunden am Tag zusammen bist, lernst du alle seine Fehler kennen; du erfährst alles, was gut ist, aber du erfährst auch alles, was schlecht ist; alles was schön ist, aber auch alles was hässlich ist, alles, was dir wie Lichtstrahlen vorkommt, aber auch alles, was wie dunkle Nacht ist. Du lernst den ganzen Menschen kennen. Die Liebe ist stark genug, den anderen mit all' den Fehlern, Beschränkungen und Gebrechen zu lieben, die dem Menschen nun einmal eigen sind. Aber eine eingebildete Liebe ist nicht stark genug. Sie kann eine Frau nur lieben wie einen unerreichbar fernen Stern. Sie kann nur eine Frau lieben, die nicht real ist.
Liebe ist eine total andere Dimension. Sie bedeutet, sich in die Realität zu verlieben. Ja, die Wirklichkeit hat Fehler, aber diese Fehler sind Herausforderungen an das Wachstum. Jeder Fehler ist eine Aufforderung, ihn zu transzendieren. Und wenn sich zwei Menschen wirklich lieben, dann helfen sie sich gegenseitig zu wachsen. Sie erforschen sich gegenseitig, sie dienen dem anderen als Spiegel; sie reflektieren sich gegenseitig. Sie helfen sich gegenseitig; sie stützen einander. In guten und in schlechten Zeiten, in Momenten der Freude, in Momenten der Traurigkeit halten sie zusammen, sind sie engagiert. Genau das heisst Engagiertsein.
Wenn ich nur bei dir bin, wenn du glücklich bist, dir aber aus dem Weg gehe, wenn du unglücklich bist, dann ist das kein Engagiertsein, sondern Ausbeutung. Wenn ich nur für dich da bin, wenn es dir gut geht, dann bin ich überhaupt nicht für dich da. Dann liebe ich dich nicht, liebe ich nur mich selbst und mein Vergnügen. "Solange du Vergnügen machst, gut; wenn du anfängst weh zu tun - weg mit dir". Das ist nicht Liebe; das ist kein Engagiertsein, das ist kein Füreinander da sein. Das ist keine Achtung vor dem anderen. Es ist leicht, die Frau eines anderen zu lieben, denn er muss die Realität ertragen, während Du die Fiktion geniesst. Das ist eine sehr bequeme Arbeitsteilung. Aber sie ist unmenschlich. Menschliche Liebe ist immer eine grosse Auseinandersetzung. Und Liebe ist nur, wenn daraus Wachstum entsteht.
Liebende bereichern einander, in jeder Beziehung. Liebende erreichen höhere Gipfel des Glücks, wenn sie zusammenhalten und sie erreichen auch tiefere Tiefen der Traurigkeit, wenn sie zusammenhalten. Die Höhen und Tiefen ihres Glücks und ihrer Traurigkeit sind unendlich - das ist Liebe. Wenn du mit einem anderen zusammen weinst, gibt es Tiefe; deine Traurigkeit hat eine andere Dimension. Wenn Du zusammen mit einem anderen lachst, steckt Tiefe in deiner Fröhlichkeit, steckt etwas gesundes in deiner Fröhlichkeit. Lachst Du mit einem anderen, dann dringt deine Fröhlichkeit tief bis in den innersten Kern deines Wesens vor.
Zwei Menschen zusammen, zusammen in allen Wetterlagen, Tag und Nacht, Sommer wie Winter, in allen Stimmungen - wachsen. Liebe ist dialektisch. Allein können wir nicht wachsen. Merkt euch : wenn ihr euch verliebt, weicht dem Engagement nicht aus, seid füreinander da. Geht total in eure Liebe hinein. Bleibt nicht am Rande stehen, stets bereit die Flucht zu ergreifen, sobald die Dinge schwierig werden. Und Liebe ist auch ein Opfer. Du musst viel opfern... dein Ego. Du musst deinen Ehrgeiz opfern, du musst deine Privatsphäre opfern, du musst deine Geheimnisse opfern; du musst viele Dinge opfern. Aber wo kein Opfer ist, ist auch kein Wachstum. Liebe wandelt dich praktisch vollkommen um. Es ist eine Neugeburt : du bist nicht mehr derselbe Mensch, der du warst, bevor du dich in diese Frau oder in diesen Mann verliebt hast. Du bist durchs Feuer gegangen, du bist geläutert. Aber dazu gehört Mut.
Osho